• Ilona Oltuski

Eine Konzertsaalerfahrung – weit mehr als eine Partitur



Dieser vielseitige Ansatz erreicht einen Höhepunkt, wenn man “Beyond the Score”, dem ‘Chicago Symphony’s Outreach Program’ zuhört und zusieht.

Darauf ausgerichtet, Neulinge auszubilden und ihre Neugier zu vergrößern wie auch das reguläre Publikum einzubinden, hat sich “Beyond the Score” als attraktiver und effizienter Aufmerksamkeitserreger für das ‘Chicago Symphony Orchestra’ und andere, die diesem Beispiel folgten, erwiesen. Der Einfallsreichtum seiner “sexy” Produktionen, wie auch deren hoher künstlerischer Standard, hat “Beyond  the Score” eine Reputation beschert, welche weit über ihren pädagogischen Wert hinausgeht.

Jetzt in ihrem sechsten Jahr, wählt jede Multimedia Produktion eines “Beyond the Score” Programms ein bestimmtes Musikwerk aus, stellt Aspekte dieses Werkes vor, indem live verschiedene Beispiele gespielt werden und diese einer theatralischen Geschichte eines Erzähler folgend und mit Bildern integriert, die über der Bühne auf eine Leinwand projeziert werden, und/oder mit unterschiedlichen Klangeffekten, die sich auf ihren historischen Hintergrund und ästhetischen Inhalt beziehen. Nach der intensiven und kreativen Auseinandersetzung mit dem ausgewählten Werk kehrt das Publikum nach der Pause zurück, um dann das Werk in vollständiger Länge zu hören und so neben dem Konzertsaalerlebnis einen neuen Einblick und Verstehensebene mit sich bringt.

Von Playbillarts (http://www.playbillarts.com/features/article/8173.html) als “edutainment” [als bildende Unterhaltung] bezeichnet, wurde “Beyond the Score” im Jahre 2009 von seinem Hauptdirigenten Charles Dutoit zum ‘Philadelphia Orchestra’ gebracht, nachdem er einige diese Präsentationsarten in Chicago dirigiert hatte.

Pierre Boulez, spricht auf [der Webseite] http://beyondthescore.org, solche Fragen an wie: ist es wirklich notwendig, eine Partitur wieder neu zu erfinden, ihren Zeitgeist zu analysieren und und diesen dem Publikum gegenüber in jeder Einzelheit zu erklären? Ist denn die Musik nicht genug? Er führt an, dass ein Kunstwerk nie einfach aus dem Nichts kommt wird: Es drückt mehr in seiner Tiefe aus , wenn man etwas über die Sprache des Komponisten weiß, darüber, was er ausdrücken will und wie er es ausdrückt.” Die Reihe nahm offiziell in Chicago im Jahre 2005 ihren Anfang, als Idee des aus England stammenden Gerard Mcburney und sie wurde vom ‘Chicago Symphony Orchestra’, unter seinem Vize-Direktor für künstlerische Planung und Publikumsentwicklung und Martha Gilmer, der geschäftsführenden Direktorin von “Beyond the Score” übernommen.



Ich hatte die Gelegenheit, Gilmer in ihrem Revier zu treffen, zwischen den Orchesterproben mit dem gefeierten Ricardo Muti, dem Dirigenten, der jüngst von der Chicagoer ‘Symphony Hall’ willkommen geheißen wurde. Gilmer erläutert: ”Es gibt Hunderte von Orchestern, die sich an ihr Publikum wenden, aber unsere Art und Weise, sich an das Publikum zu wenden, ist einzigartig. Die Gelegenheit, verschiedene kulturelle Kunstformen zu erleben, Geschichte, Literatur, Poesie, die bildenden Künste, Poster, Graphiken, Film…das geschriebene und das gesprochene Wort, dramatische Darbietungen, die in den Bereich einer Live Performance eines musikalischen Werkes integriert werden, bringen ein völlig neues Erlebnis mit sich und unser Publikum ist darauf wirklich angesprungen. Als ich im Jahre 2004 aus Anlaß der Eröffnung der ‘Walt Disney Hall’ Mcburney’s Vorstellung von ‘Strange Poetry’ mit der ‘Los Angeles Philharmonic’ und zu der Zeit mit dem Musikdirektor Esa-Pekka Salonen sah, wusste ich, dass ich meinen Partner gefunden hatte, klassische Musik einem größeren Publikum näher zu bringen. Ich hatte etwas gesehen, was mein Verständnis von Berlioz’ Symphonie Fantastique änderte und zu einem völlig neuen Erlebnis machte.”

Diese Produktion war eine Zusammenarbeit von Gerard McBurney mit dem Bruder von Mcburney, dem Theaterdirektoren Simon Mcburney, mit dem er bereits die sehr erfolgreiche Produktion “Noise of Time” am Lincoln Center geschaffen hatte, einer Multimedia Vorstellung für das Schostakowitsch Konzert / des Emerson Quartetts im Jahre 2000.

Ein Mann im Publikum stand während Mcburneys Erzählung auf und rief: ”Lang lebe die dritte Internationale!”, wovon die Leute glaubten, es handele sich um einen Teil des Skripts der Aufführung. Dieser Wutausbruch zeigte mir, dass, in der Tat, Musik potentiell gefährlich ist. “Es ist emotional ergreifend,” schenkt man der Darstellung von Gilmer Glauben.


Schließlich wurde Gerard Mcburney im Jahre 2009 künstlerischer Berater und künstlerischer Direktor von “Beyond the Score” Mitarbeiter beim ‘Chicago Symphony Orchestra’.

Er besitzt sicherlich die Gabe, seine Begeisterung für “Beyond the Score” mitzuteilen, was selbst während unsereres kurzen Gesprächs klar wurde. In seinen kreativen Händen wird die Partitur ein Entwurf mit vielen Möglichkeiten. Die Herausforderung liegt darin, dasjenige zu finden, dass am meisten über das eigentliche Wesen des Musikwerkes aussagt und dann diese wesentlichen Elemente in einem größeren Kontext zu präsentieren. In diesem Prozess zerlegt er die Partitur in all ihre Facetten, indem er in jedes Detail sich hineindenkt, was für eine überzeugende Neuschaffung”…und bei jedem Werk wird das etwas anderes sein …und es ist sowohl von der Verfügbarkeit von Künstlern wie auch von glücklichen Zufällen abhängig.”

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